»Mein sehr netter Geschichtslehrer, einer dieser heute so in Verruf…

»Mein sehr netter Geschichtslehrer, einer dieser heute so in Verruf geratenen 68er, der nebenbei auch noch dauernd fürchtete, von einem Berufsverbot betroffen zu werden, erklärte uns in der Mittelstufe mal das Verhältnis von Partikular- zu Allgemeininteresse so: Wenn ein Vater drei Kinder und sechs Eisbällchen hat, so liegt es in seinem Interesse, dass jedes Kind zwei Bällchen bekommt, denn davon hängt der Familienfrieden ab, der darauf beruht, dass er sie unter seinen Kindern anderem halbwegs gerecht verteilt. Das liegt auch im Interesse der Kinder, selbst, wenn sie es nicht wissen. So fällt das Partikularinteresse des Vater mit in diesem Fall mit einem Allgemeininteresse - dem Familienfrieden - zusammen. Jedes der Kinder dagegen möchte so viele Eisbällchen wie möglich haben. Das sind ihre Partikularinteressen aus deren Summe sich allerdings kein Allgemeininteresse ergibt, weil sie sich gegenseitig ausschließen. So ginge es letztlich immer um die Frage, ob Partikularinteressen mit Allgemeininteressen vereinbar seien oder nicht. Meist sei dies nicht der Fall. Ideologie wiederum sei all das, was jedes Kind dem Vater erzählt, warum ihm mindestens drei- und nicht nur zwei Eisbällchen zustehen würden. Wenn der Vater sich darauf einlässt, handelt er ebenfalls ideologisch und nicht mehr Interesse des allgemeinen Interesses. Das ginge früher oder später immer ganz furchtbar schief. So ungefähr müssten wir uns den Gegensatz zwischen Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre vorstellen. Der einzelne Betrieb sei wie ein Kind, das am liebsten die anderen ausschalten und sechs Bällchen Eis haben würde, der Staat so etwas wie der Vater, der darauf achten müsse, dass, selbst wenn auch nur, wie Marx es nannte, als ideeler Gesamtkapitalist, dass da nicht geschehe, denn dann gäbe es am Ende kaum Steuern, viele Arbeitslose und allgemeines Chaos. Dies sei dann das Spannungsverhältnis zwischen Staat und Kapital oder das zwischen kapitalistischen Allgemein- und Partikularinteressen. Diese Spannung zwischen Partikular- und Allgemeininteressen bestimme kapitalistische Gesellschaften fast ebenso wie die Klassenkämpfe zwischen Lohnarbeit und Kapital. Dies gelte im Inneren genau so, wie in der Außenpolitik, denn da verhielten sich Staaten zueinander, wie die Kinder, nur dass, anders als im Inneren, es da keinen Vater gäbe, der notfalls qua Machtwort bestimmen könne, wer wieviele Eisbällchen bekomme. Sowas lernte ich in der Mittelstufe und kann mich heute des Eindrucks nur schwer erwehren, dass selbst solche Basisbanalität weitgehend unbekannt sind.« https://www.facebook.com/share/1EMWeumLi2/

Date:
Words:
375
Time to read:
1 min